Grand Cru Gelüste

Grand, Premier und was ist überhaupt ein Cru




Grand Cru Gelüste

Grand, Premier und was ist überhaupt ein Cru

Sobald man sich dafür entscheidet nicht einfach irgendwas zu trinken, sondern auf Qualität zu achten und nach Höherem Genuss zu streben, begibt man sich auf den Pfad des erfolgreichen Champagnertrinkers. Und für den erfolgreichen Champagnertrinker muss dieser Erfolg natürlich auch irgendwie messbar sein. Und eine besonders gute Möglichkeit (vom Kaufpreis mal abgesehen) sind Bewertungen von externer Quelle. Der Champagner der nicht nur einem selbst sondern auch anderen Leuten mundet, am besten denen mit einer gewissen Autorität, ist natürlich der überlegene Champagner. Denn eine Frage hat klaren Vorrang: Andere Leute trinken ebenfalls Schaumwein, manche auch Champagner, aber trinken diese Leute auch so guten Champagner wie Sie? Schließlich wählen Sie andere Weine auch nicht irgendwie aus, etwa nach der Etikettenästhetik, nach wohlklingenden Namen oder nach der aktuellen Empfehlung des Supermarktprospekts. Auch Freunde, Familie und Bekannte sind keine zuverlässige Informationsquelle. Zwar bringt wohl Ihre Tante einiges an Geld und noch mehr an Trinkerfahrung mit, aber guten Champagnergeschmack auch? Und (Ur-)Opa hat zwar Damals™ ein paar Pullen aus Frankreich mitgehen lassen, aber das macht ihn noch lange nicht zum Champagnerexperten. Und den Rest der Proletenverwandtschaft schreiben wir bei einem solch delikaten Thema besser gleich ab. Und der örtliche Weinhändler? Der will doch nur Geschäfte machen und Ihnen das andrehen, was er gerade vorrätig hat. Uns bleibt nur eine Rettung: Die objektiven Genusskriterien!

Nicht Ihre persönliche Erfahrung oder Ihr Geschmack sind wichtig, sondern die objektive Weinwahrheit. Ein Weg zu Selbiger wäre natürlich die Bewertung durch Kritiker, die durch Erfahrung und das Probieren von zahllosen Flaschen den Überblick und damit ihrer (in Champagnerfragen) nutzlosen Verwandtschaft einiges voraus haben. Wenn sie dann noch Punkte vergeben, werden die Pullen sogar richtig vergleichbar. Zwei Flaschen mit gleichem Preis aber klarem Punkteunterschied? Einfacher könnte es nicht sein, die eine MUSS ja klar besser sein. Nachteil ist natürlich, dass es mehr als einen Kritiker gibt und damit verschiedene Wahrheiten miteinander konkurrieren. Das ist freilich wenig hilfreich, abgesehen davon, dass man sich dann doch erstmal einlesen muss. Der Weg an die Champagnerspitze wird so doch unangenehm beschwerlich.

Es gibt aber noch einen anderen Weg eben dort hinauf. Falls Ihnen Punkte zu mondän und unelegant sind und Sie eh eher zu Tradition und etwas Frankophilie neigen. Der Franzose wäre nicht Franzose wenn nicht auch zur Champagnerqualität offizielle, staatliche Regeln existieren würden. Schließlich ist niemand objektiver und hat mehr Autorität als der Staat! Neben den Grundregeln wer und was jetzt alles in den Club der Champagner-Namensträger darf (und diese Regeln sind durchaus streng, für vieles was anderswo als Schaumwein durchgehen würde, gälte in der Champagne: Du kommst hier nicht rein!), gibt es auch eine klar definierte Qualitätspyramide. In der Champagne ist es eine dreistufige Pyramide, anders als zb. im Bordelais (teilweise 5 oder mehr Stufen!), landesweite Konsistenz hat der Franzose, der alte Zentralisierer, beim Wein komischerweise nicht vorgesehen. Eine Qualitätspyramide also, wobei es sich genauer genommen um einen Qualitätsflickenteppich handelt, aber das klingt etwas unfein und kompliziert. Kompliziert ist es dann auch, weil die Qualitätsstufe an die Gemeinde und deren Weinberge gebunden ist, also an den genauen Ort, an dem die Trauben gewachsen sind. Dort gibt es dann neben den normalen und nicht weiter gekennzeichneten Cru (also „Gewächsen“) den Status Premier Cru (auch 1er Cru, also besonders gut) und Grand Cru (noch viel guter). Das darf der Hersteller dann groß auf die Flaschen schreiben, das ist also leicht identifizierbar und sollte gut sichtbar sein, bei der Präsentation für zu beeindruckende Gäste. Das ganze System basiert auf im jeweiligen Ort erzielte, durchschnittliche Traubenverkaufspreise von vor einigen Jahren oder Jahrzehnten. Das ist also schon eine ganze Weile da, hat dementsprechend Tradition, das ist verlässlich, da weiß man woran man ist. In manchen Gegenden der Champagne gibt es zwar überhaupt keine Klassifizierung, aber naja. Ein bisschen Schwund ist ja immer. Das soll uns nicht weiter anfechten!

Jetzt mögen Sie einwenden, dass ja nicht automatisch jeder Champagner, nur weil dessen Trauben in einem bestimmten Ort gewachsen sind, automatisch ein toller Champagner sein kann. Oder dass nicht alle Champagner, deren Trauben in einem bestimmten Ort gewachsen sind, gleich gut sein können. Der Umgang mit den Trauben, die massiven Unterschiede beim Ausbau des Weines, z.B. Holzfass vs. Edelstahltank, Biologischer Säureabbau vs. kein Säureabbau, Dauer des Hefelagers und so weiter und so fort, all das hätte doch sicher einen Einfluss auf die Qualität des Weins. Aber seien Sie kein Miesepeter, der sich in Detailfragen verrennt. Nur böse Zungen behaupten, dass es auch ganz unfeine und nicht sehr angenehme Grand Cru Champagner gäbe, die nicht viel her machen. Aber das kann eigentlich garnicht sein. Sehen Sie nur wie schick der güldene Grand Cru Schriftzug auf der Flasche glänzt! Und falls Sie immer noch skeptisch sind, stellen Sie einfach mal zwei Grand Cru Champagner aus dem gleichen Ort, z.B. zwei Chouilly oder zwei Bouzy Grand Cru nebeneinander und probieren. Bestimmt sind Beide absolut gleich großartig. Grand Cru, also großes Gewächs, steht ja nicht ohne Grund auf der Flasche!

Wenn Sie also demnächst mal wieder vor der schwierigen Frage stehen, was Sie denn Ihren Gästen ins teure und fein polierte Glas kippen sollten, oder welche Flasche Sie zu einer Einladung bei einem fiesen Champagnersnob mitbringen könnten, sein Sie vernünftig. Nehmen Sie nicht etwas Neues, etwas Interessantes oder eine verquere Empfehlung. Nehmen Sie einfach einen Grand (oder mindestens einen Premier) Cru. Was kann da schon schief gehen?
tl;dr
Wozu selber nachdenken, wie man Champagner auswählt, wenn man sich auf eine staatlich reglementierte Qualitätspyramide verlassen kann?
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